Winterbilder von 1970

1.10.2021. Alles, was man sehen kann, gibt es mittlerweile als Foto. Sogar das Innere von lebenden Körpern und die Tiefen der Ozeane, mit ihren ganz eigenen Lebensformen. Im Februar 1970 war ich zum ersten Mal am Wagnergrab. Der ganze Platz war tief verschneit, in einem blattlosen Strauch hörte man leises Vogelgezwitscher. Ein Foto gibt es davon nicht, aber das Bild ist unauslöschlich, in der Erinnerung. Zum ersten Mal vereinigte sich Alles, was ich vier Jahre vorher, zum erste Mal, gelernt und gelesen hatte, zu einer Einheit. Links an der nächsten Straße gab es eine Buchhandlung, die schon längst verschwunden ist, im Keller eines Wohnhauses. Die Inhaberin musste erst tief in den Regalen herumsuchen, dann rief sie im Haus Wahnfried an, direkt neben dem Grab. „Hier ist ein junger Mann, mitten im Winter, der sich dafür interessiert.“ Damals war es nur ein Archiv. Die Antwort war eine Absage, „Wir sind gerade beim Mittagessen.“ Erst 16 Jahre später kam ich zurück und sah zum ersten Mal eine Vorstellung im Festspielhaus. „Tristan“, mit verzauberten Märchenbildern des Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle. Ab 1989 war ich jedes Mal in der Stadt, mehrmals im Jahr, meistens ohne Eintrittskarte, auch um das ganze Frankenland kennenzulernen. Alle persönlichen Eindrücke wurden ergänzt durch eine grenzenlose Menge an anderen Informationen. Wer meine anderen Themen auf dieser Webseite kennt, weiss, was das bedeutet. Ein Panoramablick, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, Tiefenschichten und natürlich universalen Dimensionen. Die meisten Einwohner nutzten nicht einmal die kostenlosen Eintrittskarten für die Generalproben. Eine Blumenhändlerin, nicht weit vom Wagnergrab, sagte bei einem gemeinsamen Glas Wein, „Einmal war ich da drin. Das reicht für den Rest des Lebens.“

Das war ihr gutes Recht auf eine eigene Meinung. Nicht überall in der Stadt ist das erwünscht, und man bekommt das auch zu spüren. Bedauerlich ist es, dass mit der Festspielleiterin Katharina Wagner überhaupt noch kein Gespräch zustande kam, obwohl sie meine Wagnerbeiträge kennt und wir uns drei Mal in ihrem Stammlokal gesehen haben. Sie kann Kritik vertragen, ist zurückhaltend und ruhig. Aber das Gesamtklima kann sehr frostig sein, denn man befindet sich dort in „Bayerisch Sibirien“. Jedes Eis kann tauen, und dann sieht man, was sonst noch vorhanden ist. Aber es war wohl zu kalt. München ist ein Magnet für viele Franken. Sie betreiben hier ihre Geschäfte oder Lokale, in denen man sie immer besser kennenlernt. Ein angenehmer Arbeitskollege kam sogar aus Bayreuth. Auf die Frage, warum er nicht dort geblieben war, sagte er nur knapp, „Da gab es keine Arbeit für mich.“ Er war ein gut ausgebildeter Spezialist, Techniker, und ein Taxifahrer sagte mir einmal, mitten im Fichtelgebirge, „Die jungen Leute ziehen fort, weit weg in die Großstadt. Die alten Rentner bleiben. Und diejenigen, die Schuld sind an Allem.“ Was der letzte Satz bedeutet, weiß ich schon seit zwanzig Jahren. Das sollen eigentlich nur Einheimische wissen, aber heutzutage spricht sich Alles herum, wenn auch nicht immer bei den direkt Betroffenen.

Und auf der ganzen Welt gelten solche Regeln. Wer damit nicht umgehen kann, hat selbst Schuld, wenn er sich nicht um die Ursachen kümmert. Ursachenforschung ist hier eines der Haupt-Themen, sogar „Unsichtbare Spuren“.Dazu gibt es hier über 40 eigene Artikel:

https://luft.mind-panorama.de/?s=Unsichtbare+Spuren&x=21&y=9

Wichtigtuerei ist Dummheit. Bedauern muss man trotzdem, dass so viele Chancen nicht genutzt wurden und dass selbst die Profis auf ausgefallenen Wissensgebieten große Wissenslücken haben. Das war in den letzten Jahren immer deutlicher erkennbar. Viele Treffen hätten mehr bringen können. Das reicht aber schon lange, weil neue Gesichter oft nur alte Geschichten aufwärmten, aber nichts Neues darin entdeckten oder nicht für wichtig hielten. Zum Thema „Betrügereien“ braucht man jetzt nichts ergänzen, das ist schon oft geschehen. Karl Valentin (1882 – 1948) sagte, „Die Menschen sind gut. Aber die Leute sind schlecht.“ Beides stimmt, aber selbst er hat noch genauer hingeschaut. So kann man ihn auch verstehen.
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