Winterwunderland

29.11.2020. Wer morgens zwischen sechs und acht Uhr Zeit hat, wie am heutigen Sonntag, und auch innerlich dazu bereit ist, kann jeden Tag sich an aktuellen Märchenbildern, zum heutigen ersten Advent aus der Alpenrepublik Österreich erfreuen: Der TV-Sender „Servus“ zeigt Panorama-Bilder aus dem ganzen Land. Die Kamera schwenken ruhig, ganz langsam über Städte und Landschaften. Die künstlich hell erleuchtete, menschenleere Innenstadt von Wien. Stille Dörfer in der Steiermark und Tirol, hinter denen die Morgendämmerung beginnt und über dem Hochgebirge die Sonne aufgeht. Den Ton kann man einfach abschalten und eigene Musikaufnahmen dazu hören.

Die Weihnachtsmärkte in Wien findet man in der ganzen Stadt. Der zentrale liegt zwischen Rathaus und Burgtheater. Nicht weit ist der Spittelberg, wo früher arme Leute wohnten. Kronprinz Joseph II., wollte dort einmal nachschauen, was sein Untertanen abends so alles treiben. Verkleidet, also incognito, betrat er eine verrufene Gastwirtschaft, fiel dort aber sofort wegen seines vornehmen Benehmens auf. Dann wurde er rausgeschmissen und landete draußen, vor der Tür. Seine Mutter, die Kaiserin Maria Theresia, durfte davon nichts erfahren, aber es sprach sich trotzdem herum.

Der letzte Märchenkönig, Kaiser Franz Joseph (1830 – 1916), hatte eine schöne Frau aus München, seine Märchenkönigin Sissi. Die drei bekannten Kinofilme über das Paar werden jedes Jahr seit 1955, zu Weihnachten gezeigt. Jeder kennt sie. Die Realität war härter. Sissi war nicht glücklich und verreiste ständig, bis zu ihrer Ermordung 1898. Streitereien mit Russland, Ungarn und Italien begleiteten seinen Alltag, so dass er sagte, „Ich bin der einzige Herrscher, in dessen Reich die Krise nicht untergeht.“ 1914 kam es zu Franz Josephs Kriegserklärung an Serbien, der auf Grund der Bündnisdynamik der Erste Weltkrieg folgte. Kaiserin Elisabeth wurde am 10. September 1898 in Genf Opfer des  Attentäters Luigi Lucheni. Als Franz Joseph von ihrer Ermordung benachrichtigt wurde, sollen die berühmten Worte: „Mir bleibt doch nichts erspart auf dieser Welt,“ gefallen sein.

Der Tod Franz Josephs am 21. November 1916 leitete die Auflösung Österreich-Ungarns ein, die im Herbst 1918 stattfand. Alle europäischen Herrscherhäuser verloren ihre politische Macht. Auch in England darf die Königin sich nicht mehr in die Regierungsgeschäfte einmischen. Zur feierlichen, jährlichen Parlamentseröffnung in London trägt sie die zwar die juwelengeschmückte große Staatskrone, darf aber nur einen fertigen Text des Premierministers vorlesen.

In einem immer rascher überschaubaren Zeitraum endet die Epoche der Alleinherrscher. Sie hatten viele persönliche Vorteile, aber auf Kosten der Allgemeinheit. Sie werden beobachtet, aber nicht in allen Bereichen. Die Privatsphäre ist durch die Verfassung geschützt. Ausnahmen müssen begründet sein. Ihre Berechtigung, ohne vertrauliche Details, muss öffentlich bekannt sein. Der Personenkreis der Auskunftsberechtigten muss überschaubar sein. Juristen, Richter, Anwälte und die Betroffenen selbst müssen dagegen klagen können. Die Verursacher müssen zur Rechenschaft gezogen werden, das heißt, ob ihre Motive überhaupt zu akzeptieren und nicht illegal sind. Da darf es keine Dunkelziffer geben. Jede Weiterverwendung, Auswertung und Verbreitung von Ergebnissen muss – vorher – sorgfältig geprüft werden.

Beruflich ist vor zehn Jahren ein betrügerischer Stellenleiter aufgefallen, der seine Machenschaften raffiniert getarnt und verschleiert hatte. Doch er kannte nicht Martin Luthers einfaches Lied: „Der Fürst dieser Welt (Satan), so sauer er sich stellt, wir fürchten ihn nicht. Denn er ist schon gerichtet: Ein Wörtlein kann ihn fällen.“ Im konkreten Fall reichte eine unzufriedene ältere Mitarbeiterin, die seine Geheimnisse herumplauderte. Dann kam die Polizei und eine interne, genaue Untersuchungskommission. Aber da war er schon rausgeflogen, und das sprach sich auch herum.

Im nächsten Jahr darf es keine verschlossenen Türen mehr für solche Schattenwinkel geben. Bis dahin gilt die Vorfreude auf das in vier Wochen bevorstehende Jahresende und die Vorbereitung darauf.

Vor dreihundert Jahren vertonte Johann Sebastian Bach einen anderen Text von Martin Luther. „Vom Himmel hoch, da komme ich her.“ Das alte Weihnachtslied singt jetzt der Universitätschor München:

https://www.youtube.com/watch?v=SqMRqf8gD9U

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