Wolfgang Windgassen

30.10.2921. Die menschliche Stimme verändert Informationen durch die Betonung. Der gleiche Inhalt verfärbt sich, wenn zu laut oder zu auffällig gesprochen wird. Ein Test für die Glaubwürdigkeit. Beim Gesang ist das noch schwieriger. Eine starke Naturstimme kann die richtigen Töne falsch treffen, sie künstlich verfremden oder den Text ganz verschwinden lassen. Wenn nur noch schön gesungen wird, bricht die Spannung zusammen. Gestern gab es hier einen Kommentar zu dem dänischen Tenor Lauritz Melchior. Von 1924 bis 1931 sang er die schwersten Heldenrollen mit einer natürlichen Leichtigkeit, die keine künstliche Steigerung brauchte:

https://luft.mind-panorama.de/lauritz-melchior/

Er hatte viele ernst zu nehmenden Konkurrenten, aber übertraf sie alle, zu seiner Zeit.

Von 1951 bis 1966 leuchtete ein ganz anderer Stern: Wolfgang Windgassen bereicherte die ersten Nachkriegs-Festspiele in Bayreuth, die vom revolutionären, künstlerischen Genie Wieland Wagners geprägt wurden. Sämtliche Auftritte wurden weltweit im Radio übertragen und aufgezeichnet,. Bei Wieland standen die besten Künstler Schlange, und selbst das reiche Publikum musste jahrelang auf Eintrittskarten warten. Seine Markenzeichen waren nicht vergoldeter Prunk und angeberischer Protz, sondern er verwandelte die Methoden der Psychoanalyse in suggestive Bilder, die auf naturalistisches Gerümpel verzichteten und stattdessen faszinierten,  mit einer aktiven Farb-Regie und dramatischer Personenführung. In Augenhöhe mit seinem Großvater Richard Wagner setzte er auf die magische Kraft der Symbole: Eine Bildersprache, die schon die ägyptischen Alleinherrscher, die Pharaonen,  vor 5.000 Jahren verwendeten. Die Zeichen der Hieroglyphen bestehen nur aus Bildsymbolen, die sich aber übersetzen lassen.

Wolfgang Windgassen war der Superstar dieser Jahre. Wieland Wagner nannte ihn „mein Held“ oder behauptete: „Ohne Herrn Windgassen können wir die Festspiele dicht machen.“ Seine Stimme war nicht übertrieben laut, aber er konnte sie verformen und den Text immer eindringlicher gestalten. Stundenlang, auch in den schwersten Rollen wie Tannhäuser und Tristan, Außerdem konnte er sich dramatisch bewegen oder ganz still stehen, so dass die innere Spannung sich in den ganzen Zuschauerraum übertrug. Vier Jahre nach Wielands Tod am 17. 10.1966, habe ich zwei seiner Inszenierungen an der Hamburger Staatsoper gesehen und niemals vergessen, weil er in die tiefsten Schichten der Wagnerwerke und in ihre universale Bandbreite eindrang. Leider gibt es zwar viele Fotos davon, aber nur stark gekürzte oder technisch unmögliche Verfilmungen. Geplant war eine vollständige Tannhäuser-Verfilmung, aber sein Bruder Wolfgang übernahm 1966 sofort die Festpielleitung und verwirklichte das Projekt nicht. Im Internet gibt es viele Dokumente aus dieser Zeit.

Windgassen war auch überragend als Verdis „Othello“. Auf dem Höhepunkt seiner Kraft, 1965, enstand mit ihm die erste Direktübertragung einer Oper im deutschen Fernsehen. Das Orchester saß hinter den Kulissen, die vollständige Aufzeichnung gibt es als DVD. Hier erlebt man die große Liebes-Szene, als Desdemona begeistert Lisa della Casa. „Nun in der nächtlichen Stille, verliert sich jeder Laut“ :

https://www.youtube.com/watch?v=eGlIckiMH78

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