Zehn Wunderwerke

5.10. 2020. Am 17. 10. 1966 starb Wieland Wagner (1917 – 1966) in der Münchner Nussbaumklinik. Er wurde nur 49 Jahre alt. Aufgrund zahlloser Presseberichte und Buchkommentare habe ich danach angefangen, mich intensiv mit dem Werk seines Großvaters zu befassen, dessen Genialität er geerbt hatte, auf dem Gebiet der optischen, szenischen Umsetzung der zehn wichtigsten „Wunderwerke“. Mit der Nachkriegs-Eröffnung der Festspiele, im Sommer 1951, begannen die Goldenen Jahre. Bis zu Wielands Tod dauerten sie 15 Jahre. Die berühmtesten Sänger und Dirigenten der Welt standen jedes Jahr Schlange, arbeiteten im unsichtbaren Orchestergraben, auf der Bühne oder saßen im Publikum, das in einem halbkreisförmigen Amphitheater eine außergewöhnliche Akustik bot. Zuschauer mussten jahrelang auf Eintrittskarten warten. Oder sie lasen die aufgeregten Berichte der Weltpresse über das „Neue Bayreuth“, von erstklassigen Musikjournalisten. Die schärfsten Kritiken wurden in voller Länge in den Programmheften abgedruckt. Die Klatschpresse zeigte ständig aktuelle Fotos von ständig auftauchenden Prominenten und Millionären, aber auch die völlig neuen Bühnenbilder. Selbst die Radio-Aufzeichnungen wurden direkt in die ganze Welt übertragen. So wird man neugierig.

Nach vier Jahren, im Alter von Zwanzig, kannte ich alle zehn Hauptwerke auswendig und hörte auf großen Spulentonbändern immer wieder die Radio-Übertragungen. In der Kleinstadt war ich damit ziemlich allein, aber es bremste und störte auch Niemand. Ein Erfolgsrezept für alle Naturbegabungen, die sich ein ganz neues Wissensgebiet erarbeiten und es für immer in das Gedächtnis aufnehmen.

Diesen Goldene Jahren kann man jederzeit eine Dauer-Ausstellung im Wahnfried-Museum widmen, aber nicht im Neubau. Am besten geeignet ist die erste Etage des östlichen „Siegfried-Anbaus“ in dem schon der Sohn Siegfried lebte. Im Erdgeschoss befindet sich bereits eine Hitler-Ausstellung, weil der auch dort gewohnt hat, wenn er Gast war, auf seine auffällige Militär- Uniform sogar gern verzichtete und im klassischen schwarzen Frack „ganz unauffällig“ die Vorstellungen besuchte. Fotodokumente, Bücher und Tonaufzeichnungen dieser Jahre gibt es in Überfülle. Auch ich könnte aus meiner Privatsammlung dazu beitragen. Werden die Ideen in diesem Artikel realisiert, geht das gesetzliche Bratungshonorar (Urheberrecht) als Spende, an beide Ausstellungen. Die Innenräume von Haus Wahnfried selbst kann man so umgestalten, wie es zu Lebzeiten des Komponisten dort aussah. Die Möbel wurden zwar im Krieg zerstört, aber sie lassen sich gut nachbauen. Dann wöre das gesamte Grundstück eine attraktive Sehenswürdigkeit für Besucher, auch im Winter. Im Festspielhaus selbst kann man, solange die gesundheitlichen Verbote weiter bestehen, auf großen Video-Leinwänden alte Aufführungen zeigen, in bester Qualität. Für den Winter müsste man nur, behutsam, eine bisher fehlende Heizung einbauen. Oder eine unsichtbare, geräuschlose Klima-Anlage für den Sommer. Wenn dabei nichts kaputt geht, kommen das ganze Jahr zahlungskräftige Besucher, auch gut für Gastronomen, Hotelbesitzer und den Einzelhandel.

Aber was hält den Zauber, die Magie der Goldenen Jahre 1951 bis 1966, immer noch lebendig? Es ist die geniale Deutung von Wieland Wagner.

In Stichworten kann man durchaus die Substanz der zehn Hauptwerke erklären.

1. Der Fliegende Holländer

Hier geht es um Verzweiflung, die Verfluchung des untätigen Gottes und die Strafe: Endlos auf einem Segelschiff über die Weltmeere zu fahren.

2. Tannhäuser.

Die endlose Zerrissenheit zwischen Erotik und frommer, körperloser Liebe, die in der dramatischen Romerzählung sogar den Papst zu einer ewigen Verfluchung des vermeintlichen Sünders aufstachelt.

3, Lohengrin

Hier vereinigen sich die ersten beiden Handlungen. Der Gral ist das Zeichen der Transzendenz, der Gemeinschaft mit Gott im Gralstempel und dem Sieg über satanische Mächte aus heidnischer Zeit.

Das ist ein Triptichon, wie ein dreiteiliger Altar in alten Kirchen. Wagner hat das sicher nicht so geplant, aber es ist entstanden.

4. Der Ring des Nibelungen

a) Vorabend. Das Rheingold.

Der Anfang der Welt, mit den vier Ur-Elementen Wasser, der Anfang. Erde, das Fundament. Feuer, die universale Energie. Luft – gleich „Geist“.

b) Erster Abend. Die Walküre.

Walküren bringen tote Soldaten vom Kriegsschauplatz (Das ist die auserwählte Walstätte = Kampfstätte) auf dem Weg zur Burg „Walhall“, zum obersten Gott, Wotan, um dort an seiner Seite, stolz und hoch geehrt, weiter zu leben.

c) Zweiter Abend. Siegfried.

Ein junger, strahlender Held, wächst im tiefen Wald auf, liebt die Natur („Waldweben“), besiegt den glücklosen Gott Wotan und entdeckt dessen Tochter Brünnhilde, eine Walküre in metallischer Ritter-Rüstung, schlafend auf einem von Flammen geschützten Berg. „Ah. In Waffen ein Mann! Ach wie schön.“ Der Irrtum klärst sich rasch auf, als er ihr den silbenen Kampfhelm abnimmt, der auch ihr Gesicht verdeckt. Sie verlieben sich sofort.

d) Dritter Abend. Götterdämmerung.

Im Vorspiel sprechen drei Nornen, Schicksalsfrauen, über die Fehler der verdorbenen Welt und sagen ihr Ende voraus.

Siegfried wird hinterrücks, heimtückisch bei einem Jagdausflug ermordet, mit einem Speer, wie ihn auch Wotan als Zeichen seiner, jetzt bereits verschwundenen Macht, zur Einschüchterung benutzte.

Er trägt einen goldenen Ring, ein Geschenk Brünnhildes. Sie lässt einen Scheiterhaufen errichten und verbrennt mit ihm gemeinsam darin. Der Mörder, Hagen, will ihm den Ring vom Finger ziehen. Da tritt der Rhein über seine Ufer. Die Rheintöchter ertränken Hagen und nehmen den Ring wieder zurück. Der Fluch des Goldes, der rücksichtslosen materiellen Gier, ist beendet. In der beim Untergang lärmenden Musik steigt eine hymnische, selige Melodie auf: Eine neue Welt kommt, die aber nicht so ist wie die alte.

Dieser gigantische Vierteiler ist einmalig in der Musikgeschichte. Die Mitte, das reich geschmückten Prunkstück, als Zentrum eines dreiteiligen Altars.

5. Tristan und Isolde.

Hier fällt nicht ein einziges Mal der Name Gott. Es ist eine Form des Buddhismus. Der Mensch löst sich bei seinem Tod auf und wird wieder ein Teil des unendlichen Universums, in dem er entstanden ist.

6. Die Meistersinger von Nürnberg

Wagners einzige Komödie, mit Tiefgang. Sehr realistisch und historisch genau. Es geht um die strengen Regeln der wichtigsten Handwerker, die bereits Meister sind. Sie bereiten einen Gesangswettbewerb vor. Der einzige neue Kandidat ist Walter von Stolzing, ein Ritter, also ein längst ußer Mode gekommener Beruf. Denn wir befinden uns schon in der Renaissance, der Reformationszeit Martin Luthers.

Stolzing gelingt ein Preislied, das die alten Regeln beachtet, aber auch neu formuliert. Damit gewinnt er am Ende auf de Festwiese, wie auch Richard Wagner selbst.

7. Parsifal

Das letzte Werk, ein „Weltabschiedswerk“. Sieben Monate nach der Uraufführung, am 13.2.1883, starb Wagner in Venedig. Als hätte man es vorher geahnt, spielte in Gondeln, direkt vor seinem Sterbezimmer am Canale Grande das herumreisende „Nibelungenorchester“ des Musikuntenehmers Angelo (Engel) Neumann.

Auch ein Sonderzug stand schon bereit. Drinnen saßen nur Witwe Cosima mit dem Sarg und die Kinder. An jeder größeren Station unterwegs standen Orchestermusiker und spielten „Siegfrieds Trauermarsch“ aus der Götterdämmerung. Wer hat das Alles geahnt, geplant und bezahlt? Mit einer Sondergenehmigung wurde Wagner in seinem Privatgarten Wahnfried allein beigesetzt. Nur hundert Meter entfernt, im Westen, ist das Logengebäude der Freimaurer. Der Leiter war Friedrich Feustel, Großmeister der damaligen Loge „Zur Sonne“, ein vermögender Bankier, der auch dafür gesorgt hatte, dass Wagner die Grundstücke für Wahnfried und für sein Festspielhaus kostenlos bekam. Nur die Gebäude musste er selbst zahlen.

Im Schlusswerk Parsifal und auch schon in den vorherigen „Meistersingern“ macht Wagner zahllose Anspielungen auf das Denken der Freimaurer und verschlüsselt es in den verschachtelten Handlungen, durch magische Symbole. Selbst den ersten Dirigenten des Parsifal, hat er vermutlich auf Bitte seiner Spender und Unterstützer, geistige Freunde, nach deren Wunsch ausgesucht: Den jüdischen Dirigenten Hermann Levi. Dabei blieb er auch unbeirrt, trotz seines angeblichen Antisemitismus und trotz anonymer Schmähbriefe. Das Lügenmärchen vom Antisemitismus wird noch das Thema eine anderen Artikels, mit Beweisen, die das endgültig widerlegen.

Parsifal ist das Opus Summum, die höchste Stufe der Wagnerkunst. Die teuflische Verführerin Kundry ist die „Hure Babylon“, die in der Johannes-Apokalypse auftritt und gnadenlos vernichtet wird, noch vor dem Jüngsten Gericht und dem Beginn einer neuen Welt.

Parsifal, seine Glaubensritter und der Gralskelch, sind das Gegenteil. Sie zeigen die höchste Stufe der Annäherung an Gott, die Erleuchtung in den mystischen Geheimnissen der „Unio Mystica.“

All das hat Wieland Wagner in zeitlose Bilder verwandelt. Es gibt davon nur bruchstückhafte Filmaufnahmen, aber viele Farbfotos, Erläuterungen aus erster Hand, und kluge Kommentare der Zuschauer. Denkbar wäre sogar eine sorgfältige Film-Rekonstruktion der Inszenierungen, eine Annäherung, in der heutigen technischen Qualität. Eine gute Aufgabe, allerdings nicht für oberflächliche Sensations-Amateure, sondern für Experten. Ein gutes Ergebnis muss gar nicht hohe Millionenbeträge kosten Das kann man überall zeigen und, Zu Recht, damit viel Geld verdienen.

Das hat Wieland Wagner verdient. Er hat zeitlose Inszenierungen geschaffen, die in das Innerste der Musikdramen eindringen und mit den heutigen technischen Mitteln wieder neu belebt werden können. Zeitzeugen seiner Epoche sind immer noch leicht erreichbar, auch einzelne Sänger, Regie-Assistenten und Dirigenten. Das Projekt würde lange, für große Aufmerksamkeit sorgen.

Das ist ein kleiner, aber zentraler Teil der neuen Welt, auf die Alle warten. „Die Neue Welt“ ist auch die Überschrift für eine eigene Abteilung auf dieser Webseite, die man in der Themen-Übersicht, ganz rechts auf dieser Seite, leicht findet, bereits mit insgesamt 77 anderen Artikeln.

Hier sieht man einen kleinen Ausschnitt aus dem Rheingold-Finale, das Herbert von Karajan, vollständig, als einziger Gesamtleiter in den Münchner Bavaria-Filmstudios aufnahm;

https://www.youtube.com/watch?v=vewupKFIEAE

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